Bei seiner 56. Ausgabe hat Visions du Réel die Ehre, die portugiesische Filmemacherin und Fotografin Cláudia Varejão im Atelier begrüssen zu dürfen. Cláudia Varejão wird an der kommenden Festivalausgabe mit einer Masterclass und einer Retrospektive ihrer verschiedenen Filme teilnehmen. Cláudia Varejão, eine Filmemacherin mit sensiblen Themen, hat vier zutiefst feministische Lang- und sieben Kurzfilme gedreht, in denen sie sich mit Themen wie Emanzipation, zwischenmenschliche Beziehungen, Intimität oder auch dem Alltäglichen beschäftigt. Ihre hoch aktuellen Filme wurden von der Kritik gelobt und erhielten zahlreiche Festivalpreise.

Die 1980 in Porto geborene Regisseurin und Fotografin Cláudia Varejão hat mit ihren Filmen die Aufmerksamkeit der Kritiker erregt. Ihr erster langer Dokumentarfilm In the Darkness of the Theater I Take Off My Shoes (2016) wirft einen in prägnantem Schwarzweiss gedrehten Blick hinter die Kulissen das Nationalballetts und auf die geschliffene choreografische Arbeit seiner Tänzer und Tänzerinnen. Im selben Jahr dreht die portugiesische Regisseurin ihren zweiten langen Dokumentarfilm Ama-San (2016), der sich dem Alltag der Ama-San widmet, einer Gemeinschaft japanischer Frauen, die davon leben, nach Muscheln und Krustentieren zu tauchen. Mit vielen Nahaufnahmen und einer sorgfältigen Kadrierung, die ihr gesamtes Werk auszeichnet, gelingt es Cláudia Varejão in diese so einzigartige Welt abzutauchen und mit ihrer Kamera Gesten, Details und aussergewöhnliche Momente einzufangen. Mit ihrem liebevollen Blick zeigt sie die unendliche Anmut des traditionellen Fischereihandwerks, das hier im Kollektiv verankert ist. Nach seiner Aufführung im Internationalen Wettbewerb für Langfilme von Visions du Réel im Jahr 2016 erlangte der Film internationale Strahlkraft und Verbreitung und wurde auf dem Internationalen Filmfestival Karlovy Vary mit dem Preis für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet.

2020 beschäftigt sich Cláudia Varejão in ihrem dritten Langfilm Amor Fati  mit dem Motiv des Paares: Zwillingsschwestern, ein Reiter und sein Ross, ein Herr und sein Hund oder auch Verliebte, die scheinbar eins sind. In diesen formal überwältigenden Porträts fängt die Filmemacherin die Gesten und Beziehungen dieser Paare ein und enthüllt mit den Mitteln des Kinos das Unsagbare, das in dieser Zone, die Menschen wundersamerweise zusammenhält, am Werk ist. Gleichzeitig zeichnet sie zwischen den Zeilen das Porträt eines Landes mit all seinen unterschiedlichen sozialen Schichten.

Ohne ihre tiefe Verbundenheit mit dem Dokumentarischen – und der Liebe – aufzugeben, wendet sich die portugiesische Filmemacherin 2022 dem Spielfilm zu und dreht das queere Teenagerdrama Wolf and Dog, das an der 79. Mostra von Venedig Weltpremiere feiert. In dem auf der Azoreninsel São Miguel gedrehten Film, der von den Erzählungen und Geschichten der Inselbewohner und der Schauspieler*innen und Laiendarsteller*innen des Films inspiriert ist, erzählt Cláudia Varejão die Geschichte zweier Jugendlicher die sich in einer von Religion und patriarchalem Brauchtum geprägten Umgebung auf die Suche nach ihre sexuellen Identität begeben. Der Film gewann an den Filmfestspielen von Venedig den Preis für den Besten Film in der Sektion Giornate Degli Autori.

Ausserdem hat Cláudia Varejão eine Reihe von Kurzfilmen gedreht, die nicht zuletzt auf ihre fotografischen Recherchen zurückgehen. So setzt sich The Art of Illusion (2020) aus Bildern aus den Familienalben der Jahre 1970er und 1980er-Jahre und aus Tonschnipseln von Filmen zusammen. KORA, ein weiterer Kurzfilm der Regisseurin, der 2024 am Filmfestival in Venedig uraufgeführt wurde, erzählt die Geschichte von nun in Portugal lebenden weiblichen Geflüchteten, deren Vergangenheit sich uns durch Porträtaufnahmen erschliesst. Durch diesen sensiblen und geschickten Ansatz schafft es der Film, uns den intimen und politischen Blick dieser Frauen auf den Wiederaufbau ihrer Gegenwart zu vermitteln.

Cláudia Varejão wurde 1980 in Porto geboren und studierte an der Calouste Gulbekian-Stiftung in Lissabon, in Partnerschaft mit der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) und der São Paulo International Film Academy. Seit 2005 dreht sie Dokumentar- und Spielfilme. Claudia Varejão ist nicht nur Regisseurin, sondern auch eine vollendete Fotografin, die an der AR.CO in Lissabon ausgebildet wurde. Sie lehrt regelmässig an verschiedenen Einrichtungen, die den visuellen Künsten und der audiovisuellen Produktion gewidmet sind.

2004 – Wanting (Kurzfilm)
2007 – Weekend (Kurzfilm)
2009 – Cold Day (Kurzfilm)
2011 – Morning Light (Kurzfilm)
2015 – Sowing Time (Kurzfilm)
2016 – In the Darkness of the Theater I Take off my Shoes
2016 – Ama-San
2020 – Amor Fati
2020 – The Art of Delusion (Kurzfilm)
2020 – Ø Island (Kurzfilm)
2022 – Wolf and Dog
2024 – Kora (Kurzfilm)